Der Aufruf (27. Januar 2007 - 18 Uhr - Antoniterkirche)
Unter dem schwarzen Winkel:
„Asoziale“ und „Minderwertige“ in der NS-Zeit
Wir gedenken aller Verfolgten und Ermordeten der Nazidiktatur: der Juden, Sinti und Roma, der aus politischen, weltanschaulichen, religiösen und sozialen Gründen Verfolgten, der Homosexuellen, der Kranken und Behinderten, der Zwangssterilisierten, der Deserteure, der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter und der Zivilisten und Kriegsgefangenen in den von der deutschen Wehrmacht und ihren Hilfstruppen besetzten Ländern.
62 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus erinnern wir an das Leiden, die Qualen und Erniedrigungen, die an Frauen, Männern und Kindern verübt wurden, Menschen, die wegen ihres Glaubens, ihrer politischen Einstellung, ihrer Gebrechlichkeit, ihres Nichtangepasstseins oder ihrer Herkunft verfolgt wurden.
Am 27. Januar 2007 soll eine bisher nur wenig beachtete Gruppe im Vordergrund des Gedenkens stehen: die so genannten Asozialen.
Seit dem Erlass über die vorbeugende Verbrechensbekämpfung durch die Polizei vom 14.12.1937 konnte jeder, der „durch sein asoziales Verhalten die Allgemeinheit gefährdet“, unter Ausschaltung der Gerichte in ein KZ eingeliefert werden. Damit waren der polizeilichen Willkür Tür und Tor geöffnet. In den Konzentrationslagern bildeten diese so genannten Asozialen eine besondere, mit dem schwarzen Winkel gekennzeichnete Häftlingsgruppe.
Es bedurfte nur geringer Anlässe, um als „asozial“ gebrandmarkt zu werden. Bei den Frauen waren das in erster Linie ein den Nazis nicht genehmes Sexualverhalten wie uneheliche Mutterschaft, lesbische Beziehungen, „sittliche Verwahrlosung“, „häufig wechselnder Geschlechtspartner“ oder der Vorwurf, eine „pflichtvergessene“ Mutter zu sein; bei Männern waren es meist Unvermögen im Erwerbsleben,das Unterlassen von Unterhaltszahlungen bis hin zu Kleinkriminalität und sonstigen „Übeltaten“. Auch unangepasste Jugendliche, Arbeitslose, Suchtkranke, Obdachlose und Nichtsesshafte, Prostituierte, Bettler und Bettlerinnen, „Querulanten“ wurden unter dem Stichwort „Asoziale“ zusammengefasst. Kinder als „asozial“ eingestufter Eltern konnten gleichfalls verfolgt, in Heime und Fürsorgean- stalten verbracht, misshandelt und ermordet werden. Aber auch Sinti und Roma wurden oft unter dem Etikett „asozial“ verfolgt und eingesperrt. Bei der Verfolgung dieser Gruppe trafen sich rassistische mit ökonomischen und angeblich karitativen Absichten. Es ging um die Ausgrenzung von vermeintlich gemeinschaftswidrigen Menschen, deren Brandmarkung als „Asoziale“ gezielt benutzt wurde, um sie als so genannte Feinde der Volksgemeinschaft abzusondern, zu quälen und im schlimmsten Fall umzubringen. Das Beispiel der in der Nazizeit ausgegrenzten und verfolgten „Asozialen“ zeigt uns heute, wohin Intoleranz gegenüber dem „Anders-Sein“, oder die unmenschliche Reduktion von Menschen auf ihre wirtschaftliche Nützlichkeit führen können. Es mahnt uns zu erhöhter Wachsamkeit, wenn in der heutigen Diskussion über Arbeitslosigkeit Menschen erneut als „Asoziale“ und „Parasiten“ abgewertet werden.
Kein Mensch ist asozial! Kein Mensch ist minderwertig! Jeder Mensch ist immer ein Teil der Gesellschaft, in der er lebt, egal ob seine Eigenschaften oder sein Verhalten den Normen der Mehrheitsgesellschaft entsprechen oder nicht.
Alle Menschen in Köln, Wirtschaft, Gewerkschaften, demokratische Parteien, Stadtverwaltung, Kirchen, Einrichtungen von Erziehung, Bildung und Ausbildung, Vereine, Jugendorganisationen und Medien sind Aufgerufen, ihren Beitrag für ein gleichberechtigtes und demokratisches Miteinander aller in Deutschland lebenden Menschen zu leisten. Dies sind die Lehren aus der Nazi-Diktatur und ihren Verbrechen. Wir fühlen uns dem Schwur der Überlebenden des Konzentrationslagers Buchenwald verpflichtet: „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung, der Aufbau einer neuen Welt des Friedens
und der Freiheit ist unser Ziel.“